Am Abend

Was kann ich wissen? Was soll ich tun?

Was darf ich hoffen? Was ist der Mensch?

Am Abend. Zum 200. Todestag von Immanuel Kant

 

....es ist Zeit für den Feierabend, die Zeit, da die Fleischermeister ihre „Frische-Wurst-Flagge“ einholen und sie über den Flaggenstab rollen. Wir packen unsere Dinge ein, der eine hastig, weil er, wie immer, „nur-hier-weg“ will, der andere besinnlich, weil er noch ein wenig nachdenkt über das Vergangene, vielleicht auch an das Vollbrachte, so es einen Sinn gemacht und seine Wesenskräfte berührte. Und so schiebe ich die Blechschachteln meiner Utensilien zurecht, wie die Steine eines Mühlespiels und hoffe, vielleicht ergibt sich aus ihrer jeweils zufällig anderen Konstellation ein Gebilde neuen Glaubens.

 

Und irgendwann schiebe ich sie eigentlich nicht mehr körperlich, sondern nurmehr in der Phantasie und bin schon wieder zurück im Mittwoch, an dem ich die Nachricht von der Trense bekam, die mir bedeutete, daß ich mich auf den Weg machen soll, die St. Andreashöhe nahe dem Kulmbach aufzusuchen.

 

Abends bin ich dann hin. Dicht quoll der Nebel aus den windgeflüchteten Kieferngruppen und ich hatte Not, das Kreuz der Höhe zu finden, auf dem der Kant’sche Spruch, auf Deutsch noch, eingeritzt:

 

„Habe den Mut, dich deines

eigenen Verstandes zu bedienen!"

 

Wie gern bin ich doch auf dieser Höhe und wie einfach dieser Satz und wie kompliziert auch. Wer wollte sich schon nicht des eigenen Verstandes bedienen? Doch warum ruft uns der Philosoph wohl zum MUT hierzu auf? Weil wir im Alltag nicht nach dem Verstand handeln? Nach dem Muster dressierter Wesen? Kant schrieb diesen Satz im ausgehenden 18. Jahrhunderts. Feudale Verhältnisse, Leibeigenschaft, Diktat der christlichen Religion noch. Die MUTIGEN der Aufklärung, waren gerade dabei, Zugang zu den ersten Ohren zu finden. Der Begriff der „Vernunft“ sollte erst noch zum Inbegriff allen Denkens der Weltweisheit werden. Nicht lange ist es her, daß noch Hexen und Ketzer verbrannt wurden, also nur der Verdacht oder eine Denunziation reichte, auf dem Scheiterhaufen zu enden. Und nun: VERSTAND!!! Ihn gebrauchen. Also der Logik folgen, nicht vorgegebenen Regeln, auch nicht dann, wenn sie als ehern gelten, auch nicht Gesetzen also – nur dem Verstand, der Erkenntnis des Logischen, dessen, was uns die Natur vorgibt und vorlebt. Welch wirklicher Umbruch im Denken und im Verhalten...

 

Und was ist der EIGENE Verstand? Ist es das, wie ICH die Welt erkenne ohne Vorurteile, jener Welt, die klaren abgegrenzten Begriffen folgt? Es geht um den selbstdenkenden Menschen, der sich der Verantwortung für seine Handlungen bewußt ist. Oh, wie wichtig für uns heute. Und wie weit wir entfernt sind, noch zweihundert Jahre danach. Wissenschaft hat ihren Wert nur als Organ der Weisheit und ist als solches aber auch unentbehrlich, denn Weisheit ohne Wissenschaft ist ein Schattenriß von einer Vollkommenheit, zu der wir nie gelangen werden. Aber: Wissenschaft ohne Weisheit ist eine gefährliche Angelegenheit: Sie macht die Menschen dünkelhaft, eitel, inhuman.

 

Schau dich also um! Was findest du in dieser, unserer Welt?

 

Also wollen wir uns immer wieder die vier Kant’schen Fragen vorlegen:

 

1. Was kann ich wissen?

2. Was soll ich tun?

3. Was darf ich hoffen?

4. Was ist der Mensch?

 

Ich habe dies als Hommage an den großen Königsberger Philosophen Immanuel Kant geschrieben, der gestern seinen 200. Todestag hatte....

 

13.02.2004 - © Ole Pauperkotte